Mein Team macht nicht, was ich will – woran es wirklich liegt

Mein Team macht nicht, was ich will.

Hand aufs Herz: Diesen Satz hast du schon gedacht. Auf der Heimfahrt, nach dem dritten Mal Erinnern, an dem Tag, an dem wieder etwas liegen geblieben ist. Laut sagt ihn kaum eine Inhaberin. Gedacht hat ihn jede.

Ich sage dir etwas, das dich überraschen wird: An deinen Leuten liegt es fast nie.

Darum geht es in dieser Folge

  • Warum Teams, die nicht wollen, fast immer Teams sind, die nicht wissen
  • Der Unterschied zwischen Anweisung, Erwartung und Führung
  • Warum Team-Meetings ohne Struktur mehr schaden als nutzen
  • Die drei Fragen für ein Mitarbeitergespräch, das etwas verändert

Der Satz, den jede schon gedacht hat

Eine Inhaberin erzählt mir: „Ich habe im Meeting gesagt, dass die Karteikarten vor der Abrechnung kontrolliert werden müssen. Alle haben genickt. Drei Wochen später schaue ich rein: nichts passiert.“ Und dann kommt der Satz: „Ich hab es doch gesagt.“

Sie ist nicht wütend, sie ist erschöpft. Sie hat das Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Und irgendwann formt sich daraus der Gedanke: Mein Team will nicht.

Was ich in all den Jahren in Praxen gesehen habe, als Praxismanagerin, in der eigenen Praxis, in der Beratung: Teams, die angeblich nicht wollen, sind fast immer Teams, die nicht wissen. Nicht wissen, wer zuständig ist. Nicht wissen, bis wann etwas fertig sein soll. Nicht wissen, woran erkennbar ist, dass es gut gemacht wurde. Und ganz oft: nicht wissen, dass die Chefin das Thema ernst meint – weil beim letzten Mal auch nichts nachgefragt wurde.

Deine Mitarbeiter kommen morgens nicht mit dem Plan in die Praxis, dich zu ärgern. Sie machen den ganzen Tag Patienten, Telefon, Assistenz, Aufbereitung. In diesem vollen Tag gewinnt immer das, was klar geregelt ist. Was unklar ist, fällt hinten runter. Jeden Tag, zuverlässig.

Wenn also etwas immer wieder liegen bleibt, ist das selten eine Charakterfrage. Es ist ein Hinweis auf eine Lücke in deiner Struktur. Und diese Lücke hat einen Namen: die Verwechslung von drei Dingen, die im Alltag ständig durcheinandergeraten.

Anweisung, Erwartung, Führung

Die Anweisung

Eine Anweisung sagt, was zu tun ist. Mehr nicht. „Denkt bitte an die Recalls.“ „Die Bestellung muss besser laufen.“ „Achtet auf die Dokumentation.“ Das sind Anweisungen, und zwar unvollständige. Es fehlt alles, was aus einem Satz eine Aufgabe macht: Wer macht es? Bis wann? Woran erkennen wir, dass es erledigt ist?

„Denkt an die Recalls“ heißt bei der einen: Ich schaue am Monatsende die Liste durch. Bei der nächsten: Ich rufe an, wenn Zeit ist. Bei der dritten: Das macht doch die Kollegin. Drei Menschen, drei Übersetzungen, keine davon ist dein Bild im Kopf. Am Ende bist du enttäuscht und alle drei sind irritiert – aus ihrer Sicht haben sie ja daran gedacht.

Eine Anweisung ohne Name, Termin und klares Ergebnis ist keine Aufgabe. Sie ist ein Wunsch, der laut ausgesprochen wurde.

Die Erwartung

Die leiseste und gefährlichste Ebene. Die Erwartung ist das, was du nie ausgesprochen hast, weil es für dich selbstverständlich ist. „Das muss sie doch sehen.“ „Dafür muss ich doch nichts sagen.“

Ein Beispiel aus meinem eigenen Praxisleben: Ich habe früher erwartet, dass jede an der Rezeption von sich aus einen Blick auf den nächsten Tag wirft – wo sind Lücken, wo Doppelbelegungen, welcher Patient braucht eine lange Vorbereitung. Für mich war das so selbstverständlich wie Zähneputzen. Ich habe es nie gesagt. Und mich Monat für Monat gewundert, dass es keiner macht. Der Fehler lag bei mir: Ich habe eine Erwartung mit einer Vereinbarung verwechselt.

Noch ein Beispiel, das ich oft sehe: die Urlaubsvertretung. Die Inhaberin erwartet, dass die Kollegin, die einspringt, sich vorher zeigen lässt, wie die Abrechnungsvorbereitung läuft. Die Kollegin erwartet, dass man es ihr sagt, wenn sie etwas übernehmen soll. Beide warten aufeinander, in der Urlaubswoche bleibt die Vorbereitung liegen, hinterher sind beide sauer – und beide haben aus ihrer Sicht recht.

Eine Erwartung, die nur in deinem Kopf existiert, kann niemand erfüllen. Die Enttäuschung, die du spürst, ist keine Team-Schwäche. Sie ist die Rechnung für ein Gespräch, das nie stattgefunden hat.

Und je erfahrener du bist, desto mehr solcher stillen Erwartungen trägst du mit dir herum. Du hast über Jahre ein Bild davon aufgebaut, wie eine gute Praxis läuft. Dein Team kennt dieses Bild nur in den Ausschnitten, die du je ausgesprochen hast.

Die Führung

Führung macht aus einer Erwartung eine Vereinbarung und aus einer Anweisung eine Aufgabe. Drei Schritte: aussprechen, vereinbaren, nachhalten.

Aussprechen heißt: Du sagst, was du willst, so konkret, dass man es umsetzen kann. Nicht „die Karteikarten müssen kontrolliert werden“, sondern: „Ich will, dass vor jeder Quartalsabrechnung die Karteikarten der Recall-Patienten durchgesehen werden.“

Vereinbaren heißt: Es gibt einen Namen und einen Termin. Jede Aufgabe hat eine Hauptzuständige und eine Vertretung.

Nachhalten heißt: Es gibt einen Moment, in dem ihr gemeinsam draufschaut. Kein Kontrollbesuch, kein Misstrauen – ein verabredeter Termin.

So klingt das am Stück: „Sabine, ich will, dass vor jeder Quartalsabrechnung die Karteikarten der Recall-Patienten durchgesehen sind. Das übernimmst du, Lisa ist deine Vertretung. Fertig bis zum Zwanzigsten. Am Zwanzigsten setzen wir uns zehn Minuten zusammen und du erzählst mir, wie es gelaufen ist und was du brauchst, damit es beim nächsten Mal leichter geht.“

Vier Sätze. Kein Vorwurf, keine lange Rede. Und alles drin: Ergebnis, Name, Vertretung, Termin, Nachhalten. Vergleich das mit „Denkt bitte an die Recalls“ – das ist der ganze Unterschied zwischen einer Ansage und Führung.

Der letzte Halbsatz gehört dazu. „Was brauchst du, damit es leichter geht“ macht aus der Kontrolle ein Angebot. Du hältst nach und hilfst im selben Moment.

„Dann muss ich mich unbeliebt machen“

Diesen Einwand kenne ich aus unzähligen Gesprächen. Er stimmt nicht. Unbeliebt macht dich nicht die Klarheit. Unbeliebt macht dich der Wechsel zwischen wochenlangem Schweigen und plötzlichem Ärger, wenn sich der Frust entlädt.

Klarheit ist ein Geschenk an dein Team. Mitarbeiter wollen wissen, woran sie sind. Sie wollen abends nach Hause gehen und wissen: Das war heute gut. Das geht nur, wenn „gut“ definiert ist. Ein Team, das die Erwartungen kennt, arbeitet ruhiger, nicht ängstlicher.

Warum Team-Meetings ohne Struktur schaden

Viele Praxen versuchen, alles über das Team-Meeting zu lösen. Einmal im Monat, alle sitzen zusammen, die Chefin hat eine Liste. Ein Meeting ohne Struktur macht die Lage nicht besser, sondern schlechter.

Schauen wir ehrlich hin, wie diese Meetings oft ablaufen: Die Chefin spricht achtzig Prozent der Zeit. Es ist eine Ansage-Runde – das lief nicht, das muss besser werden. Alle nicken. Kein Protokoll, keine Namen, keine Termine. Und beim nächsten Meeting stehen dieselben Punkte wieder auf der Liste.

Was lernt dein Team daraus? Dass das, was hier besprochen wird, keine Folgen hat. Ich nenne das gelernte Folgenlosigkeit. Jedes Meeting dieser Art trainiert deinem Team an, dass Nicken reicht. Der Schaden ist größer als gar kein Meeting, weil er auch deine klaren Ansagen entwertet.

Dazu kommt ein zweiter Fehler: Im Team-Meeting landen Themen, die dort nicht hingehören. Wenn eine Einzelne wiederholt Fehler bei der Aufbereitung macht, ist das ein Einzelgespräch, kein Tagesordnungspunkt vor versammelter Mannschaft. Sobald du Einzelthemen vor der Gruppe ansprichst, fühlen sich alle ein bisschen getroffen und keiner verantwortlich. Die Gemeinte weiß oft nicht einmal, dass sie gemeint ist.

Vier Regeln, die aus der Ansage-Runde ein Arbeitstreffen machen

  • Fester Termin, feste Länge: dreißig bis fünfundvierzig Minuten, nicht zwischen zwei Patienten gequetscht.
  • Eine kurze Agenda, die vorher hängt, damit jede weiß, worum es geht, und eigene Punkte eintragen kann.
  • Pro Punkt eine Entscheidung mit Name und Datum. Sonst war es kein Punkt, sondern ein Gespräch übers Wetter.
  • Ein Blatt Protokoll, sichtbar aufgehängt. Wer macht was bis wann.

So sieht das in einer Praxis aus, die ich begleitet habe: Dienstag, 13 Uhr, fünfundvierzig Minuten, die Praxis ist in der Mittagspause geschlossen. An der Pinnwand hängt seit Freitag die Agenda: drei Punkte, einer davon von einer Mitarbeiterin eingetragen. Zu jedem Punkt kommt ein Satz aufs Protokollblatt: was, wer, bis wann. Nach vierzig Minuten ist Schluss. Beim nächsten Meeting ist der erste Tagesordnungspunkt der Blick aufs letzte Protokoll: Was ist erledigt, was hängt, woran lag es. Das dauert fünf Minuten und verändert alles. Denn jetzt weiß jede im Raum: Was hier vereinbart wird, wird auch angeschaut.

Und du wirst merken: Die Meetings werden kürzer, nicht länger.

Die drei Fragen für ein echtes Mitarbeitergespräch

Das wirksamste Führungswerkzeug ist nicht das Team-Meeting. Es ist das Einzelgespräch. Und damit meine ich nicht das Jahresgespräch mit Formular und Ankreuzfeldern, sondern zwanzig bis dreißig Minuten, du und eine Mitarbeiterin, außerhalb der Behandlungszeit, ohne Telefon.

Vorab: Dieses Gespräch ist kein Kritikgespräch. Wenn du es nur führst, wenn etwas schiefgelaufen ist, verbindet dein Team Einzelgespräche mit Ärger und macht dicht, bevor du die erste Frage gestellt hast. Führe es regelmäßig, mit jeder, auch mit denen, bei denen alles läuft. Gerade mit denen.

Du stellst drei Fragen. Und dann hörst du zu. Du redest höchstens ein Drittel der Zeit.

Frage eins: Was läuft in deinem Bereich rund, und wo hakt es?

Diese Frage dreht die übliche Richtung um. Normalerweise sagt die Chefin, was hakt. Hier fragst du zuerst nach ihrer Sicht. Du wirst Dinge hören, die du nicht wusstest: dass das Materiallager chaotisch ist, weil zwei Systeme parallel laufen. Dass die Anmeldung jeden Mittwoch untergeht, weil dann zwei Behandler gleichzeitig einbestellen. Deine Mitarbeiter sehen Probleme Wochen bevor sie bei dir ankommen.

Frage zwei: Was brauchst du von mir, damit du das ohne mich entscheiden kannst?

Die Struktur-Frage, und mir die liebste. Sie sagt zwei Dinge auf einmal: Ich traue dir zu, das zu entscheiden. Und: Ich will, dass du es ohne mich kannst.

Die Antworten sind Gold wert. Oft kommt: „Ich weiß nicht, bis zu welchem Betrag ich bestellen darf.“ Oder: „Ich weiß nie, ob ich einem Patienten den Termin geben darf, wenn der Kalender voll ist.“ Jede dieser Antworten zeigt dir eine fehlende Regel. Gibst du die Regel, hast du eine Entscheidung weniger auf deinem Tisch – dauerhaft. So entstehen Strukturen, die ohne dich funktionieren, ein Gespräch nach dem anderen.

Frage drei: Was würdest du an meiner Stelle als Erstes ändern?

Diese Frage kostet dich am meisten Mut und bringt am meisten. Sie signalisiert Augenhöhe. Beim ersten Mal wirst du ein verlegenes „Weiß nicht“ bekommen – das ist normal, deine Mitarbeiterin prüft erst, ob du es ernst meinst. Beim zweiten oder dritten Gespräch kommen die ehrlichen Antworten. Und die haben es in sich.

Zum Zuhören

Daran scheitern die meisten Gespräche. Wenn die Antwort unbequem ist – und das wird sie sein –, ist der Reflex, sich zu erklären: „Ja, aber das liegt daran, dass…“ In dem Moment ist das Gespräch vorbei. Deine Mitarbeiterin lernt: Ehrlichkeit wird hier wegdiskutiert.

Halte den Impuls aus. Sag stattdessen: „Danke, dass du das sagst. Erzähl mir mehr davon.“ Du musst nicht jeder Einschätzung zustimmen. Aber du musst sie erst ganz hören, bevor du sie einordnest. Zuhören heißt nicht rechtgeben, es heißt ernst nehmen.

Am Ende des Gesprächs steht ein Punkt, den ihr festhaltet. Einer, nicht zehn. Was ändern wir, wer macht es, bis wann schauen wir wieder drauf. Beim nächsten Gespräch fängst du damit an. Daran entscheidet sich, ob deine Gespräche etwas verändern oder ein weiteres Ritual werden.

Dein Take-away

Führe ein einziges dieser Gespräche. Such dir eine Mitarbeiterin aus, blocke dreißig Minuten außerhalb der Behandlungszeit und stell die drei Fragen. Nicht das ganze Team, nicht alles auf einmal. Ein Gespräch. Du wirst überrascht sein, was du erfährst.

Wie es weitergeht

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Mareen Riedel-Venturi

Hi, ich bin Mareen

Als Unternehmensberaterin für erfolgreiche Praxisführung unterstütze ich Zahnarztpraxisinhaber:innen, wieder mit Freude zur Arbeit zu gehen.