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Von „Ich funktioniere nur noch“ zu „Ich führe meine Praxis“
- Lesezeit: 3 min
Halb sieben am Abend. Die Praxis ist leer, im Empfang brennt noch Licht, weil es niemand ausgemacht hat. Du sitzt vor dem Rechner. Heute Vormittag, zwischen zwei Patienten, wolltest du dir den Quartalsplan ansehen. Jetzt sind es 22 ungelesene Mails, eine Recallliste, die seit drei Wochen liegt, die Nachricht, dass die neue ZFA morgen nicht kommt, und das Steuerberater-Gespräch nächste Woche, das du längst hättest vorbereiten müssen.
Du atmest durch. Und dann kommt der Satz: So kann das nicht weitergehen. Du hast ihn diese Woche schon dreimal gedacht. Nächste Woche denkst du ihn wieder.
Darum geht es in dieser Folge
- Warum dieser Satz kein Zeichen von Überlastung ist, sondern von einer fehlenden Rolle
- Der Unterschied zwischen Behandler-Modus und Inhaberinnen-Modus
- Warum immer der Behandler-Modus gewinnt, wenn du nichts dagegen baust
- Die zwei Termine pro Woche, die jede Inhaberin fest blocken sollte – mit Dauer, Inhalt und der häufigsten Falle
Der Moment, in dem es kippt
Der Satz „So kann das nicht weitergehen“ heißt nicht, dass du eine schlechte Inhaberin bist. Er heißt auch nicht, dass deine Praxis am Limit ist. Er heißt: Du steckst gerade in der falschen Rolle. Genauer, du übernimmst eine Rolle, für die in deiner Woche kein Platz reserviert wurde.
Du hast diese Praxis nicht übernommen, um nur zu behandeln. Wäre es darum gegangen, wärst du angestellt geblieben. Du wolltest gestalten, entscheiden, ein Team führen, das trägt.
Gestalten und Steuern passiert nicht zwischen zwei Patienten. Nicht in der halben Mittagspause, in der du nebenbei drei Mails beantwortest. Und nicht abends um halb sieben, wenn dein Kopf längst keine tragfähigen Entscheidungen mehr trifft.
Wenn du nur reagierst, behandelst du dein eigenes Unternehmen wie einen Patientenstuhl. Etwas läuft schief, du kommst, du machst es, du gehst zum nächsten. Du arbeitest in deiner Praxis. Aber niemand arbeitet an ihr. Auch du nicht.
Behandler-Modus und Inhaberinnen-Modus
Es gibt zwei innere Zustände. Du kennst beide, du brauchst beide, und sie folgen unterschiedlichen Logiken.
Der Behandler-Modus ist präsent, im Hier und Jetzt. Du bist konzentriert auf den Patienten vor dir, auf die nächste halbe Stunde. Du löst Probleme, die in diesem Moment auftauchen. Ohne diese Rolle gibt es keine Praxis.
Der Inhaberinnen-Modus arbeitet im Davor und Danach. Welche Struktur braucht es, damit der nächste Montag rund läuft? Wo läuft Geld weg, ohne dass es jemand merkt? Welche Person im Team braucht in den nächsten Wochen welches Gespräch? Welche Entscheidung muss diese Woche fallen, damit ich in vier Monaten nicht denselben Engpass habe?
Das geht nicht in zehn Minuten zwischen Tür und Angel. Es braucht Ruhe, Zahlen und einen Kopf, der nicht seit Stunden in der ersten Reihe steht.
Und hier liegt der Kern: Beide Modi nutzen dieselbe Ressource. Dich. Und dieselbe begrenzte Zeit. Wenn kein Mechanismus die Rollen trennt, gewinnt immer der Behandler-Modus. Weil er lauter ist. Weil ein Patient mit Schmerzen sich nicht vertagen lässt. Weil eine Mitarbeiterin mit einer kurzen Frage in diesem Moment lauter ist als deine Quartalsplanung, die niemand ausdrücklich von dir verlangt.
Der Inhaberinnen-Modus hat niemanden, der für ihn lobbyiert. Außer dir.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Du sitzt zwischen zwei Patienten, hast fünf Minuten. Deine Praxismanagerin fragt: „Sollen wir die neue ZFA für drei oder vier Tage einplanen?“ Du antwortest aus dem Reflex: „Mach mal drei, schauen wir dann.“
Das ist eine Entscheidung im Behandler-Modus. Schnell, pragmatisch, gut gemeint – und nicht durchdacht. Drei Tage bedeuten eine bestimmte Wochenarbeitszeit, einen bestimmten Lohn, eine bestimmte Wirkung auf deine ZE-Tage. In der Inhaberinnen-Stunde hättest du zurückgefragt: Wie sieht der ZE-Plan der nächsten acht Wochen aus? Was heißt das für die Behandler-Auslastung? Die Antwort wäre dieselbe gewesen oder eine andere. Wichtig ist nicht, was du entscheidest. Wichtig ist, dass du es weißt.
Solche Entscheidungen trifft eine Inhaberin in einer normalen Woche zwischen dreißig und fünfzig Mal. Nebenbei. Und wundert sich am Quartalsende, warum die Personalkosten nicht zur Auslastung passen.
„Ich habe dafür keine Zeit“
An dieser Stelle kommt fast immer der Satz: „Meine Praxis ist so voll, ich kann mir keine zwei Stunden pro Woche herausnehmen.“
Ich verstehe den Satz. Ich glaube ihn nicht. Nicht, weil du übertreibst – sondern weil die Frage falsch gestellt ist. Sie lautet nicht: Habe ich die Zeit? Sie lautet: Was kostet es mich, wenn ich es nicht tue?
Ohne festen Termin für die eigene Steuerung entscheidest du reaktiv. Also dann, wenn das Problem schon da ist. Eine Mitarbeiterin kündigt. Die BWA zeigt überraschend einen schlechten Monat. Ein Patient beschwert sich öffentlich. Die Abrechnung hängt drei Wochen hinterher.
Reaktive Entscheidungen sind teurer. Immer. Sie kosten Geld, weil keine Zeit für Alternativen war. Sie kosten Energie, weil du unter Anspannung handelst. Und sie kosten Vertrauen, weil dein Team merkt, wenn die Praxis von Engpass zu Engpass springt, statt geführt zu werden.
Führung ist keine Stimmung. Führung ist eine Struktur. Und die musst du in den Wochenkalender bringen. Niemand sonst macht das für dich.
Termin eins: deine Inhaberinnen-Stunde
60 Minuten, einmal pro Woche, fester Wochentag, feste Uhrzeit. Am besten außerhalb deiner Hauptbehandlungszeit: vor dem ersten Patienten, in der Mittagspause an einem ruhigeren Tag oder am Ende eines kürzeren Tages.
Dieser Termin steht in deinem Kalender wie ein Behandlungstermin. Er ist nicht die Stunde, in der du versuchst, dich um die Praxis zu kümmern. Er ist gebucht. Und Termine verschiebst du nicht, weil etwas anderes auch noch reinmuss.
Du sitzt allein, mit deinen Zahlen, deinem Kalender für die nächsten Wochen und deiner offenen Themenliste. Und du beantwortest vier Fragen:
- Wie hat sich meine Praxis in der letzten Woche entwickelt? Nicht emotional, sondern an Zahlen: Umsatz, Termine, Engpässe.
- Welche Entscheidungen stehen in den nächsten zwei bis vier Wochen an? Was muss diese Woche entschieden werden, was kann warten?
- Welches Thema gehört diese Woche ins Team gegeben, das ich bisher selbst trage? Inhaberin sein heißt nicht, alles selbst zu tun. Es heißt, das Richtige selbst zu tun.
- Was ist mein wichtigster Steuerungspunkt für die kommende Woche? Ein Satz, eine Zahl, ein Fokus. Keine Liste mit vierzehn Punkten.
Zur Vorbereitung legst du drei Dinge auf den Tisch: deine aktuelle BWA, den Kalender für die nächsten vier Wochen und ein Blatt, auf dem du die Woche über notierst, was dir an Themen begegnet, ohne es sofort zu bearbeiten.
Die häufigste Falle: In der ersten Woche wird aus dieser Stunde eine To-do-Abarbeitung. Du beantwortest Mails. Wenn du dich dabei ertappst, schließ das Mailprogramm, leg das Handy weg, nimm Stift und Papier. Diese Stunde gehört der Inhaberin, nicht der Sekretärin in dir.
Termin zwei: der Steuerungstermin mit deiner rechten Hand
30 bis 45 Minuten, einmal pro Woche, fester Wochentag, feste Uhrzeit, immer mit derselben Person: deiner Praxismanagerin, deiner ersten Behandlerin, deiner ZMV – wer bei dir die operative Schlüsselrolle hat.
Das ist nicht das Teamtreffen und nicht das Mitarbeitergespräch. Es ist ein operativer Steuerungstermin zwischen zwei Personen. Mit fester Agenda, vier Punkten, immer denselben:
- Wie war die letzte Woche operativ? Wo gab es Engpässe bei Terminen, Patientenfluss, Material, Personal?
- Was steht in der kommenden Woche an? Ungewöhnliche Termine, Urlaube, Bestellungen, neue Patienten.
- Welche Themen aus dem Team brauchen Aufmerksamkeit? Konflikte, Ausfälle, Menschen, die sich verändert haben – positiv oder negativ.
- Was ist diese Woche meine wichtigste Botschaft an das Team? Ein Satz, den deine rechte Hand am Montag mit hineinträgt.
Die häufigste Falle: Der Termin wird zur Plauderrunde oder zum Beschwerde-Sammelpunkt. Beides hilft nicht. Legt euch ein gemeinsames Themen-Dokument an, auf das ihr beide jederzeit Zugriff habt. Sobald über die Woche ein Thema auftaucht, kommt es dort hinein – eine Zeile, mehr nicht. Vor dem Termin sortiert ihr nach Dringlichkeit und streicht, was sich erledigt hat. So beginnt der Termin nicht mit „Was wollten wir noch besprechen“, sondern mit einer fertigen Tagesordnung.
Was das in einer echten Praxis verändert hat
Eine Inhaberin, die ich begleite: Mitte vierzig, Praxis seit zehn Jahren, zwölf Personen im Team, solide Zahlen, sehr fähige Praxismanagerin. Von außen lief alles. Ihr erster Satz war: „Ich funktioniere nur noch.“
Ihr Tag: um sieben in der Praxis, um halb acht am ersten Patienten, in der Mittagspause die Bestellungen unterschrieben, mit zwei ZFAs gesprochen, eine Rechnung freigegeben. Nach Praxisschluss an den Schreibtisch, um an die Personalplanung zu gehen, nach zwanzig Minuten beim Mailbeantworten gelandet. Um halb acht raus. Vier Rollen an einem Tag, in Drei-Minuten-Übergängen, keine davon mit geschütztem Raum.
Wir haben nichts an ihren Behandlerstunden geändert, nichts an der Teamgröße, nichts an ihrer Persönlichkeit. Wir haben zwei Termine in ihren Wochenkalender geschrieben.
Nach drei Monaten: Ihre Praxismanagerin kommt nicht mehr mit zehn Mini-Fragen pro Tag, sondern bringt Themen gesammelt. Ihre Wochen haben einen Anfang und ein Ende. Die BWA liegt nicht mehr beim Steuerberater, sondern auf ihrem Tisch, gelesen und mit Notizen. Ihr Satz heute: „Ich führe wieder. Ich werde nicht mehr geführt.“
Dein Take-away
Eine Stunde Inhaberinnen-Termin, dreißig bis fünfundvierzig Minuten Steuerungstermin. Zusammen anderthalb bis zwei Stunden pro Woche.
Diese anderthalb Stunden ersetzen: die fünf bis sieben Zwischenfragen pro Tag, die deine Konzentration zerschießen. Die abendliche Mail-Schleife, die nichts entscheidet. Die Notfall-Entscheidungen, die du triffst, weil du nicht früher hingeschaut hast. Und die Sonntagabende mit dem mulmigen Gefühl vor der neuen Woche.
Nüchtern gerechnet sparen die zwei Termine mehr Stunden, als sie kosten. Nicht in Woche eins, auch nicht in Woche zwei. Ab Woche vier merkst du es.
Nimm dir jetzt deinen Kalender für nächste Woche und trag einen Termin ein: Inhaberinnen-Stunde. Eine Stunde, ein fester Slot, dein Name. Niemand sonst muss das wissen.
Wie es weitergeht
Jeden Dienstag um sechs kommt mein Newsletter: kurz und umsetzbar. Hier anmelden.
Wenn du wissen willst, wie diese zwei Termine in deine echte Woche passen – mit deinen Behandlerzeiten, deinem Team, deiner Struktur: Buch dir ein Kennenlerngespräch, dreißig Minuten.
Ab Herbst begleite ich Inhaberinnen mit der Praxis-Architektur zwölf Monate lang durch alle acht Blüten. Zur Warteliste.
Mehr aus dieser Reihe
- Folge 1: Warum jede Praxis einen Kompass braucht
- Folge 3: Die 3 Prozesse, ohne die deine Praxis jeden Montag im Chaos startet

Hi, ich bin Mareen
Als Unternehmensberaterin für erfolgreiche Praxisführung unterstütze ich Zahnarztpraxisinhaber:innen, wieder mit Freude zur Arbeit zu gehen.